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didacta 2021, im Februar

Wie ein guter Gedanke das System umkrempelt

Ob gemeinsames Lernen von Behinderten und Nichtbehinderten wirklich sinnvoll ist, darüber streiten sich Pädagogen und Wissenschaftler.

Woran liegt das? Eine Gegenüberstellung

Inklusion
Foto: © imcreater/Waag Society

Namik Luffy sieht fast nichts. Arbeitsblätter und Klassenarbeiten kopieren seine Lehrer für ihn auf große Papierbögen. Er besucht die fünfte Klasse eines Gymnasiums in Stolberg und der Landschaftsverband Rheinland hat ihm für die Schule einen Laptop spendiert. "Im Unterricht komme ich genauso gut mit wie die anderen", sagt er der Aachener Zeitung. Zudem sei er sozial sehr engagiert, meint Schulleiter Bernd Decker. Schülerzeitung, Theater AG: Namik Luffy ist mehr als integriert, er ist inkludiert – ein gleichberechtigter Teil der Schülerschaft . Und bisher eine Ausnahme. Für das Bundesministerium für Arbeit und Soziales jedoch ein Erfolgsbeispiel der "inklusiven Gesellschaft". Unter dem Slogan "Behindern ist heilbar" wirbt das Ministerium für Barrierefreiheit, im Alltag und im Kopf. "Inklusion, also das selbstverständliche Miteinander von Menschen mit und ohne Behinderung muss im Alltag Normalität werden", hat es Ursula von der Leyen formuliert, die ehemalige Bundesministerin für Arbeit und Soziales. So fasst sie zusammen, was einstimmig beschlossen wurde:

Mit der Unterzeichnung der UN-Behindertenrechtskonvention im März 2009 hatten sich alle Bundesländer dazu verpflichtet, Menschen mit Behinderung einen gleichberechtigten Zugang zum allgemeinen Schulsystem zu verschaffen. Aber lässt sich das überhaupt praktisch umsetzen? Daran scheiden sich die Geister. Gerade in Schulen stoßen Inklusions-Befürworter auf starken Gegenwind.

Vor fünf Jahren hat sich Deutschland zur Anerkennung seiner Vielfalt verpflichtet. Mit der Unterzeichnung der UN-Behindertenrechtskonvention versprachen die Länder, dass ab sofort alle – ob mit oder ohne Behinderung – gleichwertig an Gemeinschaftsschulen lernen können. So weit, so gut. Für viele ist "Inklusion" jedoch weiterhin eher eine gute Idee, als eine realisierbare Methode.

  • Die Kosten sinken?

    Eine Bertelsmann-Studie von 2011 zeigt, dass die Bundesländer für die rund 400.000 Förderschüler in Deutschland rund 2,6 Milliarden Euro pro Jahr ausgeben. Die Leistungen von Schülerinnen und Schülern nehmen jedoch stetig ab, je länger sie auf der Förderschule sind. Durch den Besuch einer Regelschule würden diese Kosten gespart werden und die Schüler entwickelten sich besser, so das Fazit der Befürworter.

    Die Inklusions-Gegner sehen hierbei eher steigende als sinkende Kosten. Denn Lehrkräfte müssen speziell geschult, eventuell sogar weitere Pädagogen eingestellt werden . Hinzu kommen Ausgaben für unterstützende Technik – wie bei Namik Luffy.

  • Das Selbstwertgefühl steigt?

    Behinderte Menschen fühlten sich mit einem Besuch auf der Regelschule nicht "anders" und erlebten daraufhin auch im Erwachsenenalter ein gesteigertes Selbstwertgefühl , so die Inklusions-Befürworter. Praktisch im selben Atemzug weisen die Gegner darauf hin, dass Kinder mit Behinderungen auf Regelschulen besonders im Mittelpunkt stehen. Ihre "Andersartigkeit" falle stärker auf, da ein direkter Vergleich mit Mitschülern möglich sei . Die Folge: Mobbing.

    Gerade dieser direkte Vergleich sei allerdings notwendig, meinen die Befürworter. Nur so könnten Behinderungen früher oder später als normal erachtet werden. Es wachse die Toleranz, die ein friedliches Zusammenleben innerhalb einer Gesellschaft erst möglich macht.

Es steht Aussage gegen Aussage

Langzeitstudien, die das eine oder das andere überzeugend belegen, existieren bis dato allerdings nicht. Es steht Aussage gegen Aussage.

Der Gesprächsbedarf ist groß. Von gelungener Inklusion auf allen Ebenen kann noch keine Rede sein. Ganz konkret diskutieren dies Fachbesucher aus allen Bereichen des Schulsystems auf der didacta 2015 in Hannover. Die Bildungsmesse widmet sich den Pro- und Contra-Argumenten und ermittelt Chancen, durch die Menschen wie Namik Luffy eine gleichberechtigte Zukunft haben.

Diskutieren Sie mit Fachkolleginnen und -kollegen über Inklusion in der Praxis: auf der didacta 2015 vom 24. bis 28. Februar 2015 in Hannover.

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Video Inklusion - Graf Fidi

Inklusion - Graf Fidi Inklusion - Graf Fidi
2:00 min

"Let's go, wir packen alle mit an - damit es Bildung für alle gibt".

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Christian B. ist blind. Trotzdem hat er sein Abitur gemacht – und zwar schon 1999 an einem ganz normalen Gymnasium. Heute ist der Jurist in einer führenden Position einer Behörde. Eine Ausnahmegeschichte, die zur Regel werden soll.

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