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Datenschutz ist kein Hemmschuh

Das Internet vergisst nichts. Doch diese Erkenntnis ist bei vielen Nutzern von Onlinediensten noch nicht angekommen. Im Interview spricht der Thüringer Landesbeauftragte für den Datenschutz, Dr. Lutz Hasse, über Chancen und Risiken cloudbasierter Lern- und Lehrsysteme für Schüler und Lehrkräfte.

18.12.2017
Dr._Lutz_Hasse
©Thüringer Landesbeauftragter für den Datenschutz und die Informationsfreiheit, Foto: Volker Hielscher/Erfurt

Herr Dr. Hasse, was sind die Vorteile cloudbasierter Lern- und Lehrsysteme?

Vieles geht schneller, individueller. Man kann in kürzerer Zeit mehr Lehr- und Lerninhalte, auch Leistungskontrollen an den Mann bringen. Die Anforderungen sind sehr gestiegen, die Zeitkontingente knapper, sowohl bei Schülern als auch bei Lehrern. Deswegen sagen wir Datenschützer auch nicht: Das findet mit uns nicht statt. Sondern im Gegenteil, wir Landesdatenschutzbeauftragten haben zum Beispiel eine Orientierungshilfe erstellt. Sie heißt "Orientierungshilfe für Online-Lernplattformen im Schulunterricht".

Was sind die größten Gefahren für Lernende und Lehrende bei der Benutzung solcher Systeme?

Klare Antwort: die Möglichkeit, Profile zu erstellen. Mit Hilfe einer Datenbasis - Stichwort Big Data - und Algorithmen könnte sich ein Schülerprofil ergeben und dann vielleicht noch ein Studentenprofil, ein Berufsprofil oder in die andere zeitliche Richtung ein Kita-Profil. Zum Schluss hat man dann eine ganze Lern- und Lehrvita einer natürlichen Person. Es können auch Profile entstehen, die gar nicht der Realität entsprechen. Der Betroffene weiß das unter Umständen gar nicht und wird vom künftigen Arbeitgeber taxiert, eingetütet, klassifiziert.

Sie meinen: Ein fauler Schüler muss kein fauler Arbeitnehmer werden?

Genau, das würde auf mich zum Beispiel zutreffen. Ich war als Schüler, glaube ich, faul, habe aber irgendwann "den Hammer in die Hand genommen". Die Gefahr einer solchen Profilbildung besteht durchaus. Daneben sind natürlich einige Player an den Schülerdaten interessiert, um etwaige Zusatzangebote an schwächere oder stärkere Schüler zu bringen. Also um mit diesen Daten Geschäfte machen zu können. Die Bundeskanzlerin hat ja gesagt: Daten sind der Rohstoff der Zukunft. Das nehmen viele für bare Münze und hoffen darauf, dass ein Datenschutzbeauftragter sie nicht entdeckt und wenn er sie entdeckt, dass das Bußgeld nicht so hoch ist.

Die Vorsitzende der Datenschutzkonferenz, Barbara Thiel, würde gerne verpflichtend ein Fach für Medienkompetenz einrichten. Was müsste vermittelt werden?

Ein Schüler, der die Schule verlässt, muss in der Lage sein, zu verstehen, was ein Algorithmus ist, vielleicht einen einfachen Algorithmus auch programmieren können. IT-Grundwissen sollte verpflichtender Lehrstoff sein, damit ein Schüler eine Vorstellung davon entwickeln kann, wie Daten missbraucht werden können. Dass ihre GPS-Daten möglicherweise abgegrast werden, wenn sie sich eine Taschenlampen-App runterladen.

Wie kann eine cloudbasierte Schulsoftware rechtssicher umgesetzt werden?

Es muss dargelegt werden, welche Daten wie verarbeitet werden, wohin die Datenflüsse gehen, wer Zugriff hat. Der einwilligende Schüler oder die Eltern müssen mit verständlichen Worten so weit in Kenntnis gesetzt sein, dass sie auch wirklich von vornherein erkennen können, in was sie da einwilligen. Man könnte auch Daten anonymisieren oder pseudonymisieren, man kann sie sicher machen, sie bei einem Treuhänder speichern, der für beide Seiten vertrauenswürdig ist. Es gibt viele Möglichkeiten, aber sie müssen auch genutzt werden. Datenschutz ist kein Hemmschuh.

Wie viel Arbeit fließt in die datenschutzrechtliche Prüfung einer einzelnen Schule, wenn Sie auf Verstöße aufmerksam werden?

Wenn die Verstöße mittlerer Art und Güte und behebbar sind, beschäftigt das mindestens zwei bis drei Mitarbeiter eine Woche lang. Es kommt auch immer darauf an, wie entgegenkommend die Schule ist. Ob versucht wird, zu mauern. Wenn wir das merken, graben wir natürlich erst recht tief. Das ist aufwändig. Wir arbeiten in Thüringen mit 24 Mitarbeitern. Ich könnte mühelos noch einige hundert Leute beschäftigen, wenn ich wirklich proaktiv kontrollieren würde. Das wird immer schwieriger, weil uns die anlassbezogenen Kontrollen schon auslasten: Schüler, Eltern, Lehrer wenden sich an uns und sagen, in der Schule läuft was verkehrt. Wir haben hier wirklich keine Langeweile.

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