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Inklusion

Inklusion: Schöne Utopie oder echte Chance?

Alle Kinder, egal ob mit Einschränkungen oder ohne, egal welcher Nationalität oder Herkunft, sollen gemeinsam lernen können. Gleiche Chancen für alle. Kann das funktionieren?

21.12.2017
Inklusion Utopie oder Chance

Über kaum ein Bildungsthema wird derzeit so hitzig diskutiert wie über die Inklusion. Dabei ist die Idee so gut: Alle Kinder lernen miteinander und voneinander. Alle werden optimal gefördert, Sozialkompetenzen gestärkt. Das sehen auch die meisten Lehrer so: In einer repräsentativen Forsa-Umfrage im Auftrag des Verbands Bildung und Erziehung (VBE) sprachen sich mehr als die Hälfte aller Lehrkräfte für Inklusion aus und betonten die positiven Aspekte wie die Förderung von Toleranz und sozialem Lernen.

Die meisten Inklusionskinder haben eine Lernbehinderung

Die Realität allerdings ist ernüchternd. Rund eine halbe Million Schüler hat Förderbedarf . Nur etwa 37.000 haben eine körperliche Behinderung, sind beispielsweise querschnittsgelähmt oder haben Hörprobleme. Die meisten, etwa 190.000, leiden an einer Lernbehinderung, bei rund 86.000 hat man eine Störung ihrer emotionalen und sozialen Entwicklung festgestellt. Da reicht es nicht, die Toilettentür zu verbreitern oder Mikrofone im Unterricht zu nutzen. Sie brauchen intensive Betreuung durch geschultes Personal.

Lehrer werden schlecht vorbereitet

Und genau daran scheitert es offenbar: Die Lehrer der Grundschulen, Realschulen und Gymnasien werden ihrer Meinung nach schlecht auf das Thema Inklusion vorbereitet. Fast die Hälfte aller Befragten beurteilte das entsprechende Fortbildungsangebot als mangelhaft oder ungenügend, nur 5 Prozent fanden es laut der Forsa-Studie gut oder sehr gut. Während in Förderschulen häufig nur zehn Schüler in einer Klasse sind oder zwei Pädagogen gleichzeitig unterrichten, stehen die Lehrer in Inklusionsklassen an Regelschulen meist alleine vor 25 Schülern . Bei 61 Prozent der befragten Lehrer aus Inklusionsklassen hatte sich die Klassengröße nicht verkleinert. Auch Unterstützung von Sonder- oder Sozialpädagogen erhalten die Lehrer nicht in dem Maß, in dem sie es sich wünschen. Zudem sind die Lehrpläne zu starr, um Inklusion sinnvoll umzusetzen.

Kann Inklusion doch noch gelingen?

Doch es gibt auch Beispiele, wie sich mit einer Änderung der Unterrichtsweise auch das Thema Inklusion besser bewältigen lässt als derzeit: Offener Unterricht ist hier das Schlüsselwort. Kinder arbeiten alleine oder in Gruppen zusammen, der allgegenwärtige Frontalunterricht findet kaum noch statt. "Mit Partner- oder Gruppenarbeit kann ich den Betreuungsschlüssel von 1:24 deutlich verbessern", sagt der Lehrer Philipp Krüger in einem Spiegelbeitrag . "Arbeitsaufträge muss ich dafür so gestalten, dass sich Schüler an andere wenden müssen, um sie zu bewältigen. Stichwort: kooperative Lernformen. Wenn dann noch der Sonderpädagoge auf Augenhöhe mit dem Fachlehrer agiert, können bei Arbeit in Vierergruppen zeitgleich 50 Prozent aller Gruppen (12:24) betreut werden." Ein ähnliches Konzept fährt auch Jutta Spranz, die einst die erste Inklusionsklasse Baden-Württembergs übernahm. Sie räumte zunächst das Klassenzimmer um und schaffte Platz für Gruppentische, Einzelarbeitsplätze und Rückzugsmöglichkeiten. Sie sagt in einem Artikel der Süddeutschen Zeitung : "Jede Klasse in Deutschland ist heute eine Inklusionsklasse. Die Kinder haben völlig unterschiedliche Ausgangssituationen: Nationalitäten, Familien- und Krankheitsgeschichten. Wir können darauf nur reagieren, indem wir jeden auf seinen eigenen Weg bringen, ihm zeigen, was er kann und wozu es im Leben gut ist."

Inklusion ist eine wunderbare Idee und sie kann gelingen: wenn entsprechend ausgebildete Lehrer in Teams mit Sonderpädagogen zusammenarbeiten. Wenn die Schule die passenden Räumlichkeiten bereitstellt, behindertengerecht, mit Rückzugsmöglichkeiten und Therapieräumen. Wenn Lehrer und Sonderpädagogen zusammenarbeiten können und es genug Lehrer für alle Schüler gibt. Wenn neue Konzepte entwickelt und umgesetzt werden. Wenn die nötigen Budgets zur Verfügung gestellt werden. Bis dahin ist es aber noch ein weiter Weg.

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