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Schule/Hochschule

Neue Facetten der Selbstoptimierung

Um in Schule und Universität die nötige Leistung zu erbringen, greifen manche jungen Leute zu legalen und illegalen Aufputschmitteln. Zum Trend des Neuro-Enhancement gesellt sich die digitale Körpervermessung.

17.01.2018
Selbstoptimierung
©www.pixabay.de

Viele Schüler und Studierende sehen sich erheblichem Druck ausgesetzt. Laut einer Studie der Weltgesundheitsorganisation (WHO) aus dem Jahr 2016 fühlt sich fast jeder vierte Schüler durch schulische Anforderungen einigermaßen oder sehr stark belastet. Doch statt Müdigkeit, mangelnde Konzentrationsfähigkeit, Kopfschmerzen oder Stimmungstiefs als Pausenzeichen zu verstehen, versuchen manche, mittels Neuro-Enhancement nachzuhelfen. So wird es genannt, wenn gesunde Menschen ihre Leistungsfähigkeit erhöhen wollen, indem sie Substanzen einnehmen, die Schmerz lindern, Konzentration steigern oder Nervosität drosseln sollen. Die einen greifen zu Energy Drinks, Koffeintabletten oder anderen frei verfügbaren Präparaten, die anderen zu stärkeren Mitteln. „Von Hirndoping spricht man ausschließlich bei der Einnahme von für den Gesunden verbotenen, also verschreibungspflichtigen oder illegalen Substanzen zum Zwecke der kognitiven Leistungssteigerung oder Stimmungsverbesserung“, erklärt Prof. Dr. Klaus Lieb, Direktor der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Universität Mainz, gegenüber dem Magazin "Report Psychologie".

Hirndoping: Placebowirkung mit Risiko

Wie viele junge Menschen auf diese Weise versuchen, selbstsicherer und leistungsstärker zu werden, ist schwer zu sagen. Bisher gibt es wenige Studien aus Deutschland dazu. Für die HISBUS-Studie der Hochschul-Informations-System GmbH wurden im Jahr 2012 rund 8 000 Studierende befragt. Fünf Prozent gaben an, verschreibungspflichtige Schmerz- und Beruhigungsmittel, Medikamente wie das ADHS-Präparat Ritalin, Antidepressiva oder Betablocker einzunehmen. Ein Teil konsumiert Cannabis oder amphetaminhaltige Drogen wie MDMA, früher: Ecstasy. Am häufigsten nutzen sie die Mittel zur Prüfungsvorbereitung oder aufgrund von generellem Stress. Lieb warnt vor den Gefahren des Dopings: Eingenommene Stoffe können süchtig machen, psychische Erkrankungen hervorrufen oder in einen Kreislauf des Medikamentenkonsums führen. Auch die Hemmschwelle für den Gebrauch anderer Drogen kann sinken. Ein hoher Preis, zumal das vermeintliche Doping oft nur einen Placeboeffekt habe, sagt Lieb.

Bei all dem werden Probleme wie zu hohe Arbeitsbelastung nicht bewältigt, sondern nur verdeckt. Gesundheitsexperten empfehlen, Entspannungs- und Konzentrationstechniken, Zeitmanagement und andere Methoden zur Stressprävention in der Schule zu vermitteln. Die Gefahren von Medikamenten- und Drogenmissbrauch können in eigenen Lehreinheiten thematisiert werden. Der Psychiater Prof. Dr. Gerhard Gründer von der RWTH Aachen hinterfragt zudem den Leistungsbegriff, der hinter der Idee des Neuro-Enhancements steht. Denn wer nach perfekter Geisteskontrolle strebt, verkennt einen anderen Aspekt des Lernens. "Kreativität ist eine komplexe Leistung, die können Sie nicht mit einer Pille verbessern", sagte Gründer der 'Zeit'. "Aber ebendiese Leistung macht einen guten Schüler aus und nicht, dass er sechs Stunden lang ruhig in der Schule sitzt.""

Self-Tracking: Perfektionierungswahn oder Stressabbau?

Im Zeitalter der Digitalisierung nimmt der Hang zur Selbstoptimierung neue Erscheinungsformen an. Ein lange bekanntes Phänomen ist der Schönheits- und Schlankheitswahn vor allem bei Mädchen. Neuer ist das Self-Tracking, bei dem sich nicht nur Jugendliche der Vermessung des eigenen Körpers widmen: Schritte zählen mit Fitnessarmbändern, Kalorienverbrauch berechnen mit dem Smartphone, Schlaf überwachen mit der Apple Watch. Tägliche Routinen und Körperfunktionen werden quantifiziert und analysiert - meist mit dem Ziel, die eigene Performance zu verbessern. Während Kritiker warnen, dies könne den Druck auf junge Leute erhöhen, argumentieren die Vertreter der so genannten Quantified-Self-Bewegung, durch die Beobachtung der eigenen Gewohnheiten ließen sich ungesundes Verhalten und Stress reduzieren. Pädagogen stellt sich somit eine neue Herausforderung, denn wie so oft sind die Grenzen zwischen harmloser Selbsterforschung und zwanghafter Körperkontrolle fließend.

Dazu auf der didacta 2018 in Hannover:

Forum didacta aktuell (Halle 12, Stand D14)
Donnerstag, 22. Februar 2018
14:00 – 14:45 Uhr
Gnadenlos gut. Projekt Selbstoptimierung
Es diskutieren:
Dr. Adelheid Ruck-Schröder, Theologin und Studiendirektorin des Predigerseminars Loccum
Dipl. Päd. Michael Finke, Psychotherapeut, Supervisor an einer Kinder- und jugendpsychiatrischen Klinik
Dr. Saskia K. Nagel (angefragt), University of Twente, Department of Philosophy
Moderation: Daniel Schneider, Journalist und Theologe
Veranstalter: Kirche auf der Bildungsmesse
gnadenlos-gut-projekt-selbstoptimierung/PAN/81763

Samstag, 24. Februar 2018
13:00 – 13:45 Uhr
Lerntechniken für Alltag, Studium & Beruf:
mega memory® Gedächtnistraining mit Gregor Staub
Gregor Staub, Gedächtnistrainer, mega memory®
Veranstalter: Didacta Verband e. V.
lerntechniken-fuer-alltag-studium-beruf-mega-memory-gedaechtnistraining-mit-gregor-staub/VOR/82232

Forum Bildung (Halle 12, Stand C45)
Mittwoch, 21. Februar 2018
16:00 – 17:00 Uhr
Gesundheitskompetenz und Körperbewusstsein von Jugendlichen
Prof. Dr. Klaus Hurrelmann, Hertie School of Governance Berlin und Fakultät für Gesundheitswissenschaften der Universität Bielefeld, stellvertretender Sprecher des Projektes "Nationaler Aktionsplan Gesundheitskompetenz"
Veranstalter: Verband Bildungsmedien e. V.
gesundheitskompetenz-und-koerperbewusstsein-von-jugendlichen/VOR/81779

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