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Schule/Hochschule

Wertebildung: Es ist noch kein Demokrat vom Himmel gefallen

In Zeiten aufstrebender antidemokratischer Bewegungen wird die Erziehung Jugendlicher zu mündigen und aufgeklärten Bürgerinnen und Bürgern immer wichtiger. Wie können Themen wie die Grundrechte oder der Rechtsstaat vermittelt werden?

01.02.2018
Wertebildung
www.pixabay.com

Was bedeutet es, einen Kompromiss zu schließen? Wie funktioniert der Parlamentarismus? Was ist Minderheitenschutz? Neben Gleichungen und Textanalysen sollen junge Menschen auch Stoff wie diesen lernen, so steht es in den deutschen Schulgesetzen - auch im niedersächsischen: "Die Schülerinnen und Schüler sollen fähig werden, die Grundrechte für sich und jeden anderen wirksam werden zu lassen, die sich daraus ergebende staatsbürgerliche Verantwortung zu verstehen und zur demokratischen Gestaltung der Gesellschaft beizutragen."

Ungeliebte Demokratie, geforderte Bildung

Zurzeit sehen jedoch nur gut 62 Prozent der jungen Deutschen die Demokratie als beste Staatsform an, wie eine Studie des Meinungsforschungsinstituts YouGov zeigt. Wenn durchschnittlich fast täglich Anschläge auf Flüchtlingsheime verübt werden und Israelflaggen vor dem Brandenburger Tor brennen, muss Demokratieerziehung entschiedener umgesetzt werden. Das betonte Schleswig-Holsteins Bildungsministerin Karin Prien angesichts der jüngsten antiisraelischen Demonstrationen in Berlin: "Ich bin der Überzeugung, dass Demokratieerziehung sich von der Kita bis zur Universität durchziehen muss - auch im Sinne von gelebter und erlernter Demokratie", sagte sie der Deutschen Presse-Agentur .

Der neue Präsident der KMK, der Ständigen Konferenz der Kultusminister der Länder in der Bundesrepublik Deutschland, Helmut Holter, hat die Demokratiebildung zum Schwerpunkt seiner Amtszeit 2018 erklärt. "Alle Schülerinnen und Schüler sollen verstehen, dass Beteiligung, Mitbestimmung und ein solidarisches Miteinander elementare und selbstverständliche Wesenszüge unserer Gesellschaft sind", bekräftigte der Minister für Bildung, Jugend und Sport im Freistaat Thüringen bei seinem Amtsantritt. Bereits 2009 hatten sich die Bundesländer unter anderem darauf geeinigt, Schüler stärker an Entscheidungsprozessen zu beteiligen und die Auseinandersetzung mit Extremismus, Fremdenfeindlichkeit und Intoleranz schon in den Grundschullehrplan zu integrieren. Laut einem aktuellen Ranking der Universität Bielefeld stocken diese Pläne jedoch häufig schon ab der Sekundarstufe I. Der Stellenwert politischer Bildung variiert zudem stark je nach Bundesland: Gymnasiasten in Hessen und Schleswig-Holstein haben laut Stundentafel acht Mal mehr Zeit für politische Bildung in der Schule als Schülerinnen und Schüler an bayerischen Gymnasien.

Rechtskunde in Sachsen

Wie demokratische Bildung in der Schulpraxis umgesetzt werden kann, zeigt beispielsweise Sachsen. Ab dem kommenden Schuljahr wird Rechtskunde an sächsischen Oberschulen regulärer Bestandteil des Lehrplanes. Im Rahmen des Ethik- und Religionsunterrichts sollen sich Sechstklässler in Themenschwerpunkten etwa mit Rechtsextremismus und Strafrecht beschäftigen. "Dieses Unterrichtsmodul ermöglicht den Schülern aktiv zu erleben, wie Meinungsbildung, Subjektivität, Gerechtigkeit und Wahrheitsfindung funktionieren und zusammenspielen", erklärte die damalige sächsische Kultusministerin Brunhild Kurth bei der Vorstellung des Moduls im September 2017. Weitere Module für höhere Klassenstufen zu Themen wie Zivilcourage oder Völkerrecht sind bereits in Arbeit. Sie sollen in die Fächer Geschichte und Gemeinschaftskunde eingebunden werden.

Mitsprache in Berliner Kitas

In Berlin wird Politik ab dem kommenden Schuljahr neu als Pflichtfach in der Mittelstufe eingeführt. Nicht alle begrüßen diesen Schritt: Andere Fachlehrkräfte fürchten, für das neue Fach Stunden abgeben zu müssen. Demokratische Wertebildung steht auch im Zentrum des Bundesprogramms " Demokratie leben ", das zahlreiche Initiativen und Vereine in ganz Deutschland unterstützt. Das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend vergab allein 2017 im Zuge des Programms Fördergelder in Höhe von 104,5 Millionen Euro. So arbeiten verschiedene geförderte Projekte in der Hauptstadt daran, bereits in der Kindertagesbetreuung demokratische Prozesse einzubinden, wie zum Beispiel " Demokratie und Partizipation von Anfang an " vom Bundesverband für Kindertagespflege. Die Kinder bestimmen dort über ihren Alltag mit: Was wird morgen gegessen? Soll in der Gruppe getobt oder gebastelt werden? Sie üben, eigene Ideen umzusetzen und Entscheidungen gemeinsam mit anderen zu treffen. Dieses und andere Projekte sollen die Grundlage für ein demokratisches Miteinander schaffen - denn Demokraten fallen nicht einfach vom Himmel.

Copyright für das Bild: Pixabay.com
Bildunterschrift: Demokraten fallen nicht einfach vom Himmel. Deswegen muss demokratische Bildung frühestmöglich ansetzen.
Hinweis zur Bildnutzung: Dieses Bild steht unter https://pixabay.com/de/reichstag-berlin-regierung-366199/ zum Download bereit. Bitte beachten Sie die Nutzungshinweise auf www.pixabay.de.

Dazu auf der didacta 2018 in Hannover:
Forum Bildung (Halle 12, Stand C45)
Dienstag, 20. Februar 2018
15:30 – 16:30 Uhr
Demokratieerziehung: Was kann Schule leisten?
Es diskutieren:
Ulrika Engler, Direktorin der Landeszentrale für politische Bildung Niedersachsen
Helmut Holter, Präsident der Kultusministerkonferenz; Minister für Bildung, Jugend und Sport im Freistaat Thüringen
Dr. Jens Hüttmann, Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur, Leiter Schulische Bildungsarbeit
Dr. h.c. Lothar de Maizière, ehem. Ministerpräsident der Deutschen Demokratischen Republik und Bundesminister für besondere Aufgaben a.D.
Veranstalter: Verband Bildungsmedien e. V.
demokratieerziehung-was-kann-schule-leisten/VOR/81768

Forum didacta aktuell (Halle 12, Stand D14)
Freitag, 23. Februar 2018
14:00 – 14:45 Uhr
Fake News und Demokratieverständnis: Bildungspolitische Herausforderungen
Es diskutieren:
Thomas Feibel, Autor, Journalist, Büro für Kindermedien
Volker Siefert, freier Reporter und Redakteur beim Hessischen Rundfunk
Schülerinnen und Schüler aus dem deutsch-französischen Jugendcamp des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels zum Thema Meinungsfreiheit
Rebecca Renatus, Technische Universität Dresden, Institut für Kommunikationswissenschaft
Moderation: Stefany Krath, www.bildungsklick.de, die-journalisten.de
Veranstalter: Didacta Verband e. V./Litcam
fake-news-und-demokratieverstaendnis-bildungspolitische-herausforderungen/PAN/82227

Freitag, 23. Februar 2018
15:00 – 15:45 Uhr
Bündnis frühkindliche Bildung: Für eine Kultur des Miteinanders - Kitas gegen Ausgrenzung
Franziska Porst, Koordinierungsstelle "Demokratie und Vielfalt in der Kindertagesbetreuung", Arbeitsgemeinschaft für Kinder- und Jugendhilfe und Projektbeteiligte
Moderation: Sonja Ritter, Didacta Verband der Bildungswirtschaft e. V.
Veranstalter: Didacta Verband e. V.
buendnis-fruehkindliche-bildung-fuer-eine-kultur-des-miteinanders-kitas-gegen-ausgrenzung/EXP/82228

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