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didacta 2018, 20. - 24. Februar
Schule/Hochschule

2017 hat eine Wende in der Inklusionsdebatte gebracht

Zu schnell, zu radikal, zu ideologisch - die Art, wie Inklusion an deutschen Schulen umgesetzt wird, gefährdet das Wohl vieler Kinder. Dieser Meinung ist Gymnasiallehrer und Autor Michael Felten. Im Interview plädiert er für eine ehrlichere Debatte.

10.11.2017
Portraet_Felten
Michael Felten hat 35 Jahre an einem Kölner Gymnasium Mathematik und Kunst unterrichtet und lehrt an der Pädagogischen Hochschule Heidelberg.

Herr Felten, was läuft falsch bei der Umsetzung der Inklusion?

Das Ganze geht aus von der UN-Behindertenrechtskonvention, die dafür plädiert, allen Kindern das Recht auf Bildung im allgemeinen Schulsystem zu gewährleisten. In Deutschland ist von Teilen des pädagogischen Diskurses daraus gemacht worden: Alle Kinder mit Beeinträchtigungen haben in Zukunft das Recht, an jeder Schulform unterrichtet zu werden. Was letztlich, wenn man es praktisch betrachtet, entweder eine extrem teure Lösung bedeuten würde oder massive Beeinträchtigungen des Lernens für alle Beteiligten. Die UNO hatte aber primär diejenigen Länder im Auge, in denen Kinder mit Behinderung bislang vom öffentlichen Schulsystem ausgeschlossen sind. Was die UNO überhaupt nicht wollte, war, unser hochentwickeltes Förderschulsystem einzustampfen und dafür zu sorgen, dass sich in Deutschland eine Einheitsschule entwickelt. Wir haben es bei dieser überhasteten und schlecht ausgestatteten Inklusion mit einer Logik des Misslingens zu tun. Man findet einen schönen Begriff, "gemeinsames Lernen", um das Empfinden von Unterschieden zu reduzieren. Tatsächlich wird dieses dadurch aber verstärkt.

Welche Rolle sollen Förderschulen künftig spielen?

Unsere Förderschulen, in denen die Lehrer kleine Gruppen betreuen und die Kinder über längere Zeit kennen, haben bisher sehr gute Arbeit geleistet. Das ist durch die Inklusionseuphorie der letzten Jahre arg in den Hintergrund getreten. Die Förderschule sollte auf jeden Fall erhalten bleiben, weil sie den Kindern mit besonderen Entwicklungsstörungen - entweder in bestimmten Phasen ihrer Schullaufbahn oder in manchen Fällen auch während der ganzen Zeit - die besseren Förderbedingungen bietet. Die Übergänge zwischen Förderschulen und Regelschulen müssten aber flexibler sein. Wir müssen dual-inklusiv denken. Diesen Begriff hat Otto Speck, emeritierter Sonderpädagoge der LMU München, geprägt. Es geht darum, für jedes einzelne Kind festzustellen, wo es optimal aufgehoben ist. Das ist für die meisten Kinder die Regelschule. Und für manche Kinder ist es eben, phasenweise oder auch für die ganze Schulzeit, die Förderschule mit ihrer hochspezifischen Expertise.

Wie könnte gemeinsames Lernen an Regelschulen aussehen?

Man muss es einfach wörtlich nehmen: Wo findet denn tatsächlich Gemeinsamkeit statt? Zwei, drei Förderkinder in einer Regelklasse, die erleben doch ganz oft: „"Ich bin ganz anders als die anderen!" In Bayern und Baden-Württemberg gibt es so genannte Partner- oder Außenklassen. Das sind Förderklassen in einem Schulverband, also etwa einer Real- oder Hauptschule, die eine Regelklasse als Partnerklasse haben. Sie feiern nicht nur Feste miteinander, sondern haben zum Beispiel auch gemeinsamen Sportunterricht. Sinnvoll scheint mir auch, Schwerpunktschulen zu bilden, so wie es in Nordrhein-Westfalen jetzt angestrebt wird. Das sind Regelschulen, die personell und sächlich so gut ausgestattet sind, dass man Kindern mit verschiedenen Förderbedarfen wirklich gerecht werden kann. Dort würden dann mehrere Sonderpädagogen arbeiten, die alle sonderpädagogischen Fachrichtungen abdecken.

In NRW will die neue Landesregierung einen Gang zurückschalten und hat zum Beispiel die Schließung von Förderschulen vorerst gestoppt. Auch in Niedersachsen und anderen Bundesländern fordern Eltern und Politiker, die Entwicklung zu verlangsamen. Sehen Sie einen bundesweiten Trend?

Ich glaube, das Jahr 2017 hat so etwas wie eine Wende in der Inklusionsdebatte gebracht. Es ist deutlich geworden - sei es durch Studien und andere Veröffentlichungen, sei es durch die Debatten im Vorfeld der Landtagswahlen - dass es mit Wohlfühlfloskeln bei diesem heiklen Thema nicht getan ist. In der überregionalen Presse wurde kritischer als zuvor über die Inklusionspraxis berichtet, und in der Fachpresse kommen verstärkt Experten zu Wort, die davor warnen, übereilt, ohne ausreichende Ressourcen und ohne gesicherte Standards vorzugehen. Ich glaube, dass jetzt eine Phase begonnen hat, in der man etwas behutsamer an diese Frage herangeht.

Copyright für das Bild: Andi Weiland 2014
Hinweis zur Bildnutzung: Dieses Bild kann unter Angabe der Bildquelle für die redaktionelle Berichterstattung verwendet werden.
Bildunterschrift: Raúl Aguayo-Krauthausen ist Vorsitzender und Gründer des gemeinnützigen Vereins Sozialhelden, dessen Projekte Menschen mit Behinderungen den Alltag erleichtern sollen.

Dazu auf der didacta 2018 in Hannover:

Forum Bildung
Samstag, 24. Februar 2018
12:15 – 13:15 Uhr
Inklusion: Was läuft falsch?
Michael Felten, Gymnasiallehrer für Mathematik und Kunst in Köln, Lehrbeauftragter in der Lehrerausbildung an der PH Heidelberg, Autor (zuletzt 2017: Die Inklusionsfalle)
Veranstalter: Verband Bildungsmedien e. V.

Forum Unterrichtspraxis
Freitag, 23. Februar 2018
15:00 – 16:00 Uhr
Gute Lehrer-Schüler-Beziehung, der Geheimcode für Unterrichtserfolg - wie geht das eigentlich?
Michael Felten, Lehrer und Publizist, freier Schulentwicklungsberater, Köln
Veranstalter: Verband Bildungsmedien e. V.

Weitere Veranstaltungen zum Thema:

Forum Bildung
Mittwoch, 21. Februar 2018
12:15 – 13:15 Uhr
Wieviel schlechte Politik verträgt die Inklusion? Inklusive Schule auf dem Weg zu echter Teilhabe
Prof. Dr. phil. Bernd Ahrbeck, International Psychoanalytic University Berlin
Franz-Josef Meyer, Landesvorsitzender des VBE Niedersachsen
Doris Schröder-Köpf, Landesbeauftragte für Migration und Teilhabe des Landes Niedersachsen
Veranstalter: Verband Bildungsmedien e. V.

Forum Unterrichtspraxis
Samstag, 24. Februar 2018
12:00 – 13:00 Uhr
Inklusion am Gymnasium – eine besondere Herausforderung?
Jürgen Bock, Koordinator für Inklusion, Otto-Hahn-Gymnasium Springe
Dr. Kerstin Prietzel, Schulleiterin, Otto-Hahn-Gymnasium Springe
Veranstalter: Verband Bildungsmedien e. V.

Kita-Seminare: Thementag "Inklusion - wie viel Vielfalt steckt darin?"
Freitag, 23. Februar 2018
10:30 – 12:00 Uhr
Auftaktvortrag: Chancen und Anforderungen einer inklusiven Pädagogik
Referent: Prof. Dr. Timm Albers
13:00 – 14:30 Uhr
Foren und Workshops
Ort: Convention Center (CC)
Veranstalter: Didacta Verband der Bildungswirtschaft
Anmeldung erforderlich unter: www.didacta.de

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