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didacta 2018, 20. - 24. Februar
Inklusion

Inklusion ist kein Rosinenpicken

Kleinere Klassen und mehr Unterstützung für die Lehrkräfte: Gemeinsames Lernen erfordert Ausdauer und Investitionen, sagt Raúl Aguayo-Krauthausen, Gründer des Vereins Sozialhelden.

16.11.2017
Portrait_Krauthausen
Raúl Aguayo-Krauthausen ist Vorsitzender und Gründer des gemeinnützigen Vereins Sozialhelden

Herr Aguayo-Krauthausen, die Kritik an schulischer Inklusion wird immer lauter. Ist die Inklusion an Schulen gescheitert?

Die Schulen wollen entschieden zu früh die Flinte ins Korn werfen. Was momentan passiert, ist, dass die Pädagogen aufschreien, weil sie das Gefühl haben, dass sie immer mehr Arbeit leisten müssen. Das ist ein Phänomen, das wir im Bildungsbereich seit Jahrzehnten haben. Jede Form von zusätzlicher Herausforderung führt zu Abwehrreaktionen. Wir müssen folgende Frage stellen: Wie viel Geld sind Bildungsministerien bereit, pro Kind zu investieren? Da liegt Deutschland innerhalb Europas am hinteren Ende. Darunter leiden am Ende alle Kinder.

Das eigentliche Problem ist, dass die Schulklassen viel zu groß sind. Und nicht, ob ein oder zwei Behinderte in der Klasse sind. Ohne die Bereitschaft, zu investieren, wurden Kinder mit Einschränkungen in die Regelschulen gesteckt. Das ist natürlich zum Scheitern verurteilt. Hinzu kommt, dass Pädagogen und Lehrer nicht gelernt haben, im Team zu arbeiten. Das zieldifferente Lernen, von dem auch Nicht-Behinderte profitieren, wird nach wie vor nicht praktiziert, da es sich in heutigen Klassen größtenteils um Frontalunterricht handelt.

Ist es mit dem Inklusionsgedanken vereinbar, Förderschulen langfristig zu erhalten?

Auf keinen Fall. Eltern entscheiden oft in dem Glauben, es sei zum Wohl ihres Kindes, wenn sie es auf eine Förderschule schicken. Sie verbauen dem Kind dadurch aber auch große Chancen. Hinzu kommt, dass durch diese Verunsicherung Eltern gegeneinander ausgespielt werden. Eltern behinderter Kinder wird gesagt, dass ihre Kinder an Regelschulen überfordert wären. Und Eltern nicht behinderter Kinder wird gesagt: Wenn behinderte Kinder in die Klassen kommen, dann lernt Ihr Kind langsamer. Das ist wissenschaftlich nicht belegt. Kinder werden nur dann am Lernen gehindert, wenn die Schulklassen zu groß sind, die Pädagogen überfordert sind und es keine unterstützenden Strukturen gibt.

Wie kann schulische Inklusion gelingen?

Eine Bedingung sind kleinere Schulklassen mit weniger Schülern. Fünfzehn Kinder pro Klasse sind da sicherlich eine Zielmarke, die erfolgsversprechend ist. Und der Unterricht muss moderativer gestaltet werden, sodass Kinder sich auch untereinander unterrichten und der Lehrer eher als Ratgeber zur Seite steht. Wichtig ist auch, dass die Lehrkraft Teamarbeit beherrscht und mit Sonderpädagoginnen und Sonderpädagogen zusammenarbeitet, um individueller auf die Bedürfnisse aller Kinder eingehen zu können. Fred Ziebarth, ehemaliger Psychotherapeut der Fläming-Grundschule, einer inklusiven Schule in Berlin, sagt: "Inklusion ist die Annahme und die Bewältigung von menschlicher Vielfalt." Wir müssen ein System schaffen, in dem es einen größeren Anreiz für Regelschulen gibt, Kinder in ihrer Verschiedenheit aufzunehmen. Ein System, in dem die Schule flexibler auf die Kinder reagieren kann. Wir müssen aufhören, Kinder der Schule anzupassen und wir müssen Lehrern die Unterstützung geben, die sie in dem Moment brauchen.

Jedes Kind ist anders. Das gilt sowohl für Kinder mit als auch ohne Behinderung - ob ein Kind eine Nussallergie oder emotional-soziale Einschränkungen hat oder das linke Unterbein fehlt. So, wie wir hochtalentierte Kinder fördern, müssen wir das auch mit Kindern mit Förderbedarf machen. Inklusion ist kein Rosinenpicken. Es darf nicht sein, dass wir an einer Schule körperlich Behinderte aufnehmen, aber geistig Behinderte nicht. Bildung und Inklusion sind Menschenrechte, und die sind nicht verhandelbar.

Copyright für Bild(er): Andi Weiland 2014
Bildunterschrift: Raúl Aguayo-Krauthausen ist Vorsitzender und Gründer des gemeinnützigen Vereins Sozialhelden, dessen Projekte Menschen mit Behinderungen den Alltag erleichtern sollen. Hinweis zur Bildnutzung: Dieses Bild kann unter Angabe der Bildquelle für die redaktionelle Berichterstattung verwendet werden.

Dazu auf der didacta 2018 in Hannover:

Forum Bildung (Halle 12, Stand C45)
Freitag, 23. Februar 2018
13:30 – 14:30 Uhr
Inklusion in der Schule: Ist sie gescheitert? Wie geht es weiter?
Raúl Aguayo-Krauthausen, Inklusions-Aktivist und Autor
Dr. Ilka Hoffmann, Vorstandsmitglied der GEW, Leiterin Organisationsbereich Schule
Stephan Wassmuth, Vorsitzender des Bundeselternrates
Veranstalter: Verband Bildungsmedien e. V.
inklusion-in-der-schule-ist-sie-gescheitert-wie-geht-es-weiter/PAN/81639

Weitere Veranstaltungen zum Thema:
Thementag "Inklusion - wie viel Vielfalt steckt darin?"
Freitag, 23. Februar 2018
Kita-Seminare
10:30 – 12:00 Uhr
Auftaktvortrag: Chancen und Anforderungen einer inklusiven Pädagogik
Referent: Prof. Dr. Timm Albers

13:00 – 14:30 Uhr
Foren und Workshops
Ort: Convention Center (CC)
Veranstalter: Didacta Verband der Bildungswirtschaft
Anmeldung erforderlich unter: www.didacta.de
kita-seminare/SEM/81539

Forum Bildung (Halle 12, Stand C45)
Mittwoch, 21. Februar 2018
14:45 – 15:45 Uhr

Inklusion und Sonderpädagogik: Welche Zukunft hat die Förderschule?
Reinhard Fricke, Verband Sonderpädagogik e. V., Vorsitzender Landesverband Niedersachsen
Prof. Dr. Bettina Lindmeier, Leibniz Universität Hannover, Institut für Sonderpädagogik, Hg. v. Schulbegleitung in der inklusiven Schule (2017)
Tillmann Nöldeke, Lehrer, Vater, freier Journalist und Autor (zuletzt 2018: Inklusion: Ganz oder gar nicht. Wege aus der Bildungskrise)
Veranstalter: Verband Bildungsmedien e. V.
inklusion-und-sonderpaedagogik-welche-zukunft-hat-die-foerderschule/PAN/81644

Forum Unterrichtspraxis (Halle 12, Stand D46)
Donnerstag, 22. Februar 2018
11:00 – 12:00 Uhr

Inklusion und Differenzierung im Englischunterricht!? - Okay, dann zeigt mal, wie das klappen kann!
Gisela Ehlers, Landesfachberaterin Englisch Grund- und Sekundarstufe am IQSH Kronshagen a. D., im Unruhestand ehrenamtlich in der Grundschule jahrgangsübergreifend und als Inklusionsberaterin in der Sekundarstufe I eingesetzt, Leitung Storyline Germany
Veranstalter: Verband Bildungsmedien e. V.
www.inklusion-und-differenzierung-im-englischunterricht-okay-dann-zeigt-mal-wie-das-klappen-kann/VOR/81670

Samstag, 24. Februar 2018
12:00 – 13:00 Uhr
Inklusion am Gymnasium - eine besondere Herausforderung?
Jürgen Bock, Koordinator für Inklusion, Otto-Hahn-Gymnasium Springe
Dr. Kerstin Prietzel, Schulleiterin, Otto-Hahn-Gymnasium Springe
Veranstalter: Verband Bildungsmedien e. V.
inklusion-am-gymnasium-eine-besondere-herausforderung/VOR/81681

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