Anzeige
didacta 2018, 20. - 24. Februar
Frühe Bildung

Kita-Kinder müssen ihre Lernwerkzeuge erlernen

Drei Fragen an Prof. Dr. Hilmar Hoffmann

20.02.2015
kindertagesst_tte

Hannover. Spätestens seit den ersten PISA-Ergebnissen wurde die frühkindliche Bildung in den Fokus von Politik und Wissenschaft gerückt und der Bildungsauftrag der Kitas betont. Unterdessen gibt es aber auch kritische Stimmen, die von „Förderwahn“ sprechen oder davon, dass den Kindern ein wichtiger Schonraum genommen werde. Welcher Ansatz ist richtig? Antworten dazu gibt der Leiter der Forschungsstelle Elementarpädagogik des Niedersächsischen Instituts für frühkindliche Bildung und Entwicklung (nifbe), Prof. Dr. Hilmar Hoffmann.

Sind die Bildungserwartungen an die Kitas übertrieben?

Hilmar Hoffmann: Es sind viele Akteure unterwegs, von denen jeder Eeinzelne gewiss ein gutes Ansinnen hat, aber ich befürchte, es werden viele Einzelfacetten in den Kita-Alltag hineingedrückt, die dann nicht mehr zusammenpassen. Man muss vom Alltag eines Kindes und einer Kita her gleichzeitig denken und weniger in vorgegebenen Kategorien „Lernen“ oder „Spielen“ – das ist sowieso immer beides. Es gilt, zu überlegen, wie man im vernünftigen Maße die intrinsische Motivation des Kindes unterstützen kann, also das, was das Kind gerade will oder für das es besonders aufnahmefähig ist.

In den ersten Lebensjahren werden erwiesenermaßen wichtige Grundlagen für das Lernen gelegt. Sollte da nicht möglichst intensiv gefördert werden?

Hilmar Hoffmann: Es muss uns in diesen Jahren gelingen, die Kinder dabei zu unterstützen, was sie eigentlich von selbst tun, nämlich lernen zu lernen. Sie müssen ihre Lernwerkzeuge erlernen, und das ist anstrengend genug. Gerade Kinder, die von zu Hause nicht gefördert werden, haben hier kaum eine Chance, an die anderen heranzukommen. Wenn eine Erzieherin den 25 Kindern ihrer Kita-Gruppe ein Angebot unterbreitet, können Sie immer wieder beobachten, wer am meisten davon profitiert: diejenigen, die am besten lernen. Also, der Unterschied wird nicht selten größer und nicht kleiner.

Klingt das nur ernüchternd?

Hilmar Hoffmann: Es gibt Handlungsmöglichkeiten, um das zu ändern, aber nicht mit einer Ausstattung, wie wir sie heute haben. Zwar haben sich die Befürchtungen, mit dem Krippenausbau würden auch die Standards heruntergefahren, nicht bestätigt. Und man darf auch nicht ignorieren, dass Bund, Länder und die Träger viel Geld in die Hand genommen haben – aber die Standards reichen nicht aus. Ich fordere keine Eins-zu-eins-Förderung, sondern einfach nur kleinere Gruppen, in denen man spezifisch die Bildungsprozesse von Kindern unterstützen kann und nicht einseitig auf das Erlernen bestimmter Themen blickt.

Dazu auf der didacta 2015 in Hannover

24. bis 28. Februar
Sonderschau „Forschung – Vernetzung – Transfer“ des nifbe in der Kita-Halle 17, Stand F38. Dort werden täglich vier kostenlose und offene Workshops zu folgenden Themenbereichen angeboten: „Arbeit mit Kindern unter drei“, „Material- und Lernwerkstatt“, „MINT“, „Sprache (im Übergang)“ und „Inklusion“.

Samstag, 28. Februar
Kitas im Spannungsfeld zwischen wirtschaftlicher Effizienz und pädagogischem Anspruch

Leistungsfähig zu sein, effizient und ergebnisorientiert zu arbeiten, sind Anforderungen an unsere heutige Gesellschaft. Was bedeutet dieser Zeitgeist für die Kita? Dieser Fachtag formuliert die in Alltagsdiskussionen oft angeführten Gegenpositionen: PISA oder Bullerbü? Schnelle Eingewöhnung oder langsam ankommen? Brauchen Kitas Führungskräfte? Wie effizient müssen Teams und Familien im digitalen Zeitalter funktionieren? Die Gegensätze zeigen einige der Ambivalenzen auf, die in der Praxis zu Verunsicherung führen. Mit Hilfe von wissenschaftlich fundierten Argumenten wird gemeinsam erörtert, dass der Kita-Alltag nicht schwarzweiß betrachtet werden kann: Was brauchen Kinder? Was können und sollen Kitas heute leisten?

10 bis 15.45 Uhr, Convention Center (CC), Saal 1

10 bis 10.45 Uhr

Begrüßung: Prof. Dr. Wassilios E. Fthenakis, Didacta Verband der Bildungswirtschaft; Prof. Dr. Renate Zimmer, Niedersächsisches Institut für frühkindliche Bildung und Entwicklung (nifbe); Prof. Dr. Julia Schneewind, Hochschule Osnabrück. Moderation des Fachtages: Prof. Dr. Julia Schneewind.

10.45 bis 11.30 Uhr
Szene aus dem Kitaleben und Fachgespräch: PISA versus Bullerbü

Was bedeutet frühkindliche Bildung unter heutigen gesellschaftlichen Anforderungen: Steigerung des Wachstums, Abbau der Bildungsarmut und somit hohe fiskalische Rendite? Förderung durch gezielte Programme und damit eine höhere Wahrscheinlichkeit, später ein Gymnasium zu absolvieren und ein Studium zu beginnen? Oder bedeutet frühkindliche Bildung Zeit für das Entdecken, Wahrnehmen, Ausprobieren, Spielen und Begreifen nach individuellem Bedürfnis und Entwicklungsstand? Prof. Dr. Yvonne Anders, Freie Universität Berlin; Prof. Dr. Hilmar Hoffmann, nifbe. Fachgespräch: Prof. Dr. Julia Schneewind

11.45 bis 12.30 Uhr
Szene aus dem Kitaleben und Vortrag: Cortisol versus Bindung
Frühkindliche Bildung für unter Dreijährige wird mit vielfältigen politischen und pädagogischen Hoffnungen verbunden. Die möglichen Risiken dieses Bildungsansatzes werden dabei systematisch vernachlässigt. Zu frühe und umfangreiche außerfamiliäre Betreuung kann sowohl kurz- als auch langfristig mit gesundheitsgefährdenden Stressbelastungen einhergehen. Im Vortrag wird die internationale Datenlage aus entwicklungsmedizinischer Sicht beleuchtet. Dr. med. Rainer Böhm, Sozialpädiatrisches Zentrum Bielefeld.

12.30 bis 13.30 Uhr
Mittagspause und kleiner Imbiss

13.30 bis 14.15 Uhr
Szene aus dem Kitaleben und Vortrag: Führung versus Team
Kitas stehen unter dem Druck, effizient und betriebswirtschaftlich zu arbeiten. Kitaleitungen sind oft für diese Anforderungen nicht oder nur wenig qualifiziert. Führungskraft und gleichzeitig Gruppenerzieherin zu sein, stellt viele pädagogische Fachkräfte vor Herausforderungen. Diskutiert wird, ob Kitas Führungskräfte benötigen, ob und wie Kitaleitungen Führungskräfte sein wollen und können oder ob Kita-Teams ohne Führung auskommen? Thorsten Landowsky, beratungs-werkstatt.

14.30 bis 15.15 Uhr
Szene aus dem Kitaleben und Dialog: Zeitgeist versus Zeit für Geist
Leistungsdruck, Verhaltensauffälligkeiten, Mediensucht, Erziehungsnotstand, Helikopter-Eltern – Schlagwörter, die uns aktuell begegnen und eine düstere Welt für Familien und Kinder beschreiben. Ist es wirklich so furchtbar, in Deutschland aufzuwachsen? In seinem Beitrag „Wir sind keine Sorgenkinder!“ geht Martin Spiewak dieser Frage auf den Grund und stellt seine Erkenntnisse vor. Martin Spiewak, DIE ZEIT. Dialog: Prof. Dr. Julia Schneewind.

15.15 bis 15.45 Uhr
Abschluss: Effizienz versus Zufriedenheit
Aus verschiedenen Perspektiven beschäftigt sich der Tag mit der Idee: Wie wollen wir die frühe Kindheit für Familien und Kita-Teams gestalten? Nach der Betrachtung unterschiedlicher Themen im Rahmen des Tages endet der Tag bei uns selbst und der Frage, welche Ansprüche wir an uns und die anderen stellen. Haben wir auf dieser Tagung genug gelernt? Oder waren wir nicht effizient genug? Mit Blick auf verschiedene Beteiligte, beispielsweise Eltern, gehen wir der Frage nach, wie wir trotz hoher Anforderungen im Feld Frühpädagogik unser Leben in dieser Disziplin zufrieden gestalten können. Prof. Dr. Julia Schneewind, Hochschule Osnabrück, verantwortlich für die wissenschaftliche Konzeption des Fachtages.

Die Szenen aus dem Kita-Leben werden gespielt von: Janna Hahnhaussen, Erzieherin, Kindheitspädagogin B. A. und Studentin im Master Erziehungswissenschaft an der Universität Osnabrück; Anna Wehmöller, Erzieherin, Kindheitspädagogin B. A. und Studentin im Master Erziehungswissenschaft an der Universität Osnabrück.

spacer_bg
spacer_bg

Kontaktieren Sie uns